Zöliakie

Zöliakie ist eine in den Industrienationen weit verbreitete Autoimmunerkrankung des Verdauungssystems. Schon kleine Mengen des Getreideproteins Gluten rufen bei Erkrankten Beschwerden im Magen-/Darmtrakt und auch Krankheitssymptome in anderen Bereichen des Körpers hervor. Viele
Zöliakie-Betroffene sind jedoch nicht eindeutig diagnostiziert. Dies kann zu erheblichen Langzeitkomplikationen führen. Abhilfe schafft eine frühzeitige Diagnose beim Arzt.

Bauchschmerzen und Krämpfe, Diarrhoe, Übelkeit und Erbrechen – dies sind Beschwerden, die Michael F. seit Monaten plagen. Nach mehreren Arztbesuchen und Tests ist klar: Der 37-Jähige leidet an einer Zöliakie – der ausgeprägten Form einer Gluten-Unverträglichkeit. Michael F. hat Glück. Seine Zöliakie wurde relativ rasch erkannt. Oft bleibt die Krankheit aber lange verborgen, da die Beschwerden zunächst oft für ein Reizdarm-Syndrom gehalten werden.

Zöliakie – jeder Hundertste in der Schweiz betroffen

Zöliakie ist eine immunologisch vermittelte, chronische Erkrankung der Dünndarmschleimhaut. Ihr Auslöser ist der Eiweissstoff „Gluten“. Dieser kommt in Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel sowie in getreidehaltigen Zubereitungen wie Malzkaffee, Bier, Fertigprodukten oder Backzutaten vor. Die Zöliakie wurde bei ihrer Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts für eine Malabsorptionserkrankung gehalten und erst in den 1950er-Jahren als Hypersensitivitätsreaktion auf Getreide definiert. Heute wird sie jedoch aufgrund der charakteristischen Bildung von Autoantikörpern als Autoimmunreaktion klassifiziert. Die Prävalenz ist grossen geografischen Schwankungen unterworfen. Während sie laut Studienberichten in Deutschland bei 1:500 liegt, beträgt sie in der Schweiz etwa 1:130. Dabei sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Bei Verdacht auf eine Zöliakie kommt als Erstes ein einfacher Bluttest zur Anwendung, welchen der Hausarzt bei seinem Labor anfordern kann. Wichtig ist, dass bei einem Verdachtsmoment der Test vor einer Ernährungsumstellung absolviert wird, um eine Verfälschung der Resultate zu vermeiden. Ist der Test positiv, sollte für eine weitere Abklärung und zur Diagnosestellung rasch eine Überweisung des Patienten an einen Spezialisten erfolgen  (Gastroenterologe, Kinderarzt).

 Bis zu 90 Prozent der Betroffenen sind nicht diagnostiziert

Die angesprochenen Schwierigkeiten bei der Diagnose hängen unter anderem damit zusammen, dass nur geschätzte 10–40 Prozent  Magen-Darmbeschwerden zeigen. Was viele nicht wissen: Zöliakie äussert sich häufig mit atypischen Symptomen wie Anämie (Blutarmut), Hautveränderungen, chronischer Müdigkeit, Osteoporose oder psychiatrischen und neurologischen Symptomen. Bei solch unspezifischen Anzeichen bietet sich vor allem bei Risikogruppen ein systematisches Screening an. So haben beispielsweise Familienangehörige von Zöliakie-Patienten ein Risiko von bis zu 15 Prozent, dass sie diese Erkrankung ebenfalls entwickeln. Weiter tritt Zöliakie bei Diabetikern des Typs 1 oder Patienten mit autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen signifikant häufiger auf. Das Erkennen der Zöliakie als Begleiterkrankung ist in diesen Fällen sehr wichtig, um den therapeutischen Erfolg bei der Behandlung der Grunderkrankung zu erhöhen.

  • Bis zu 16 Prozent der Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 haben auch eine Zöliakie.
    ✓ Durch die Behandlung der Zöliakie kann die Diabeteskontrolle verbessert werden.
  • Bis zu 8 Prozent der Frauen mit ungekl.rter Infertilität leiden an einer Zöliakie. Die Glutenintoleranz steht zudem in Zusammenhang mit einer hohen Fehlgeburtsrate, Wachstumsstörungen beim ungeborenen Kind, niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeburten.
    ✓ Bei Frauen mit Zöliakie und Fertilitätsstörung könnte eine glutenfreie Diät die Fruchtbarkeit erhöhen und den Verlauf der Schwangerschaft
    verbessern.
  • Bis zu 7 Prozent der Patienten mit Osteoporose haben eine Zöliakie.
    ✓Bei nicht geklärter Ursache für die Osteoporose sollte eine Zöliakie in Erwägung gezogen werden, da Knochenmanifestationen bei Einhaltung
    einer glutenfreien Diät korrigierbar sind.
  • Bis zu 10 Prozent der Patienten mit Down-Syndrom haben eine Zöliakie.
    ✓  Die Diagnose und Behandlung der Zöliakie können die Lebensqualität von Patienten mit Down-Syndrom verbessern.
  • Bis zu 10 Prozent der Patienten mit einem Sjögren-Syndrom (einer autoimmunen Form von Bindegewebserkrankungen) leiden zusätzlich an Zöliakie.
    ✓  Durch die Behandlung der Zöliakie könnten bei diesen Patienten schwerwiegende Mangelernährung und Folgeerkrankungen verhindert
    werden.
  •  Bis zu 4,8 Prozent der Personen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse könnten von einer Zöliakie betroffen sein.
    ✓  Wissenschaftliche Hinweise zeigen, dass die Behandlung der Zöliakie die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.

Langzeitkomplikationen bei unbehandelter Zöliakie

Wird die Diagnose Zöliakie ignoriert oder gar nicht erst erkannt, können erhebliche Langzeitkomplikationen die Folge sein. Eine eindeutige Diagnose der Zöliakie und die rasche Umstellung der Ernährung schützen vor Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystens, Vitamin-K-Mangel, früh einsetzender Osteoporose oder Infertilität. weitere Langzeitkomplikationen sind nachfolgende aufgelistet.

Die wichtigsten Informationen der Zöliakie auf einen Blick

  • Die Zöliakie gehört mit einer geschätzten weltweiten Präva- lenz von 0,5 bis 1,0 Prozent zu den häufigsten immunologisch bedingten, gastrointestinalen Erkrankungen.
  • Sie wird nicht mehr als eine ausschliessliche Erkrankung des Kindes angesehen, sondern manifestiert sich oft erst im Erwachsenenalter.
  • Dabei wird angenommen, dass nur rund 10 bis 40 Prozent der betroffenen Personen die typischen Symptome wie beispielsweise Bauchschmerzen und Übelkeit zeigen.
  • Fälschlicherweise werden die Beschwerden oft als Reizdarmsyndrom diagnostiziert.
  • Zöliakie äussert sich bei einem Grossteil der Betroffenen auch mit atypischen Symptomen. Dies erschwert eine genaue Diagnose.
  • Zöliakie tritt oft als Begleitkrankheit auf – beispielsweise bei Diabetes mellitus Typ 1, Osteoporose oder beim Down-Syndrom.
  • Angehörige ersten Grades von Zöliakie-Patienten sind besonders gefährdet, an einer Zöliakie zu erkranken.
  • Als geeignete Therapiemassnahme gilt einzig der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel.
  • Unbehandelte Zöliakie kann zu erheblichen Langzeitkomplikationen führen.
  • Bei Verdacht auf eine Zöliakie oder zum Screening von Risikogruppen kann ein einfacher Bluttest vom Hausarzt im Labor angefordert werden. Bei positivem Testergebnis sollte rasch eine weitere Abklärung beim Spezialisten erfolgen.

Therapie für Zöliakie-Patienten: Glutenfreie Diät

Nach heutigem Wissensstand ist keine Zöliakie-Heilung mit mit Medikamenten möglich. Um Langzeitkomplikationen zu verhindern und die Lebensqualität zu steigern, sind die von Zöliakie betroffenen Patienten angehalten, eine lebenslange, strikt glutenfreie Diät zu führen. Glutenfreie Lebensmittel enthalten weniger als 20 Milligramm Gluten pro Kilogramm. Vermieden werden sollten demnach Nahrungsmittel wie:

  • Weizen, Roggen, Gerste
  • Kandierte Erzeugnisse
  • Malzkaffee, Bier
  • Pralinen, Malzbonbons, Marzipan, Kartoffelfertigprodukte
  • Fruchtzuckerzubereitungen, eingedickte Früchte, Backzutaten
  • Sauchen wie Ketchup oder Senf

Bei fertigen Zubereitungen mit Zusätzen gilt eine sorgfältige Prüfung der Inhaltsstoffe.

Glutenverzicht ist keine Wohlfühl- oder Schönheitsdiät

Im Zusammenhang mit der glutenfreien Diät ist es wichtig zu wissen, dass eine solche Ernährungsform bei Personen ohne diagnostizierte Zöliakie oder Gluten-Unverträglichkeit keinen nachgewiesenen gesundheitsfördernden Effekt hat. Leider wird die glutenfreie Ernährung heute vor allem in den USA, vermehrt aber auch in Europa, als Wunderdiät und Hilfestellung zur Ge- wichtsreduktion angepriesen. Doch Gluten ist nicht mit den Kohlenhydraten gleichzusetzen, welche wichtige Energiespen- der für den Körper sind (die aber bei vielen Leuten als Dickma- cher in Verruf gekommen sind). Eine glutenfreie Ernährung sollte den an Zöliakie und Gluten-Unverträglichkeit leidenden Patienten vorbehalten bleiben und in Zusammenarbeit mit einem Diätologen durchgeführt werden.

Zöliakie: Ein einfacher Bluttest zeigt das Erkrankungsrisiko

Eine frühzeitige und eindeutige Diagnose ist bei Zöliakie wichtig, um Langzeitbeschwerden zu verhindern. Durch eine einfache, antikörperbasierte Blutuntersuchung im Labor kann festgestellt werden, ob eine weiterführende Untersuchung beim Facharzt notwendig ist. Zöliakie ist eine Autoimmun-Erkrankung, die bei vielen Patienten unentdeckt bleibt. Bis zu 90 Prozent der Betroffenen sind nicht eindeutig diagnostiziert. Der Gluteneiweissstoff Gliadin wird über die Nahrung aufge- nommen und im Magen und Dünndarm abgebaut. Die kleineren Gliadinbausteine (Peptide) werden dann im Dünndarm durch das körpereigene Enzym Gewebstransglutaminase (tTG) che- misch verändert. Bei Zöliakiepatienten kann sich dieses sogenannte «deamidierte Gliadin» besonders stark an Zellen des Immunsystems binden – dadurch wird eine Immunantwort ausgelöst, die sich gegen das deamidierte Gliadin und auch gegen das Enzym Gewebstransglutaminase richtet. Es kommt zu einer entzündlichen Reaktion, die eine fortschreitende Zerstörung der Darmschleimhaut verursacht. Die bei der immunologischen Reaktion entstandenen Antikörper gegen die Gewebstransglutaminase und gegen die Gliadine werden im Rahmen der Blutuntersuchung im medizinisch-chemischen Labor erfasst. Um Langzeitkomplikationen wie Osteoporose, Infertilität oder Vitamin-K-Mangel zu verhindern, ist eine frühzeitige Diagnose wichtig. Die eindeutige Feststellung einer Zöliakie verläuft grundsätzlich in drei Stufen:

  1. Anamnese, Serologie (Bluttests)
  2. Dünndarmbiopsie und transabdomineller Ultraschall sowie
  3. Erfolgreiche Remission der Erkrankung als Folge der Einhaltung einer glutenfreien Ernährung.

Wichtig für die Diagnose ist, dass die untersuchte Person nicht schon im Vorfeld eine glutenfreie Di.t begonnen hat, da dies die Testergebnisse verfälschen würde. Bei unklaren Fällen sollte daher vor dem Test über einen Monat hinweg eine standardisierte Glutenbelastung (> 20mg/kg Gluten pro Tag) erfolgen.

Kombination aus Labortest und klinischer Untersuchung ist entscheidend

Anders als bei den meisten anderen Autoimmunerkrankungen stehen bei der Zöliakie sehr empfindliche und gleichzeitig spezifische serologische Marker zur Verfügung. Eine einfache antikörperbasierte Blutuntersuchung kann eine Zöliakie mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit ausschliessen. Sind die Testergebnisse aus dem Labor positiv, wird die Zöliakie durch eine Untersuchung der Darmschleimhaut mittels Dünndarmbiopsie bestätigt. Ist der Laborwert so stark erhöht, dass zweifelsfrei auf eine Zöliakie geschlossen werden muss, kann unter Umständen auf die Biopsie verzichtet werden.

Die initiale Untersuchung auf Zöliakie sollte durch die Bestimmung von Antikörpern gegen die Gewebstransglutaminase (sogenannte anti-tTG Bestimmung) oder von endomysialen Antikörpern (EMA) im Labor erfolgen. Zusätzlich wird auch die Konzentration der gesamten IgAAntikörper bestimmt, um irrtümlich negative Testresultate aufgrund eines IgA-Mangels auszuschliessen. Vorteil des Transglutaminase-Tests ist die Möglichkeit der vollautomatischen Abarbeitung im Labor, wodurch die Resultate schnell und in quantitativer Form zur Verfügung stehen. In vielen Fällen werden im Labor nicht nur die Antikörper gegen die Transglutaminase bestimmt, sondern auch gegen die deamidierten Gliadinpeptide (IgA und IgG). Durch diese Testkombination wird die Treffsicherheit für das Vorhandensein einer Zöliakie stark erhöht, sodass bei positiven Resultaten in allen drei Antikörpertests die Diagnose mit fast 100 %-iger Sicherheit gestellt werden kann.

Screening von Risikogruppen als präventive Massnahme

Gerade bei direkten Angehörigen von Zöliakiebetroffenen ist das Risiko gross, ebenfalls an einer Glutenunverträglichkeit zu erkranken. Auch bei Patienten, die an Typ I Diabetes oder einem Down-Syndrom erkrankt sind, ist die Wahrscheinlichkeit stark erhöht, dass eine Zöliakie als Begleitkrankheit auftritt. Folgende Risikogruppen sind zu berücksichtigen:

  • Verwandte 1. Grades
  • Patienten mit bestimmten genetischen Erkrankungen (Trisomie 21)
  • Patienten mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und Typ 1 Diabetes. Bei jugendlichen Diabetikern sollte in regelmässigen Zeitabständen wiederholt auf eine Zöliakie getestet werden. Egal, ob ein Labortest negativ oder positiv ausfällt – er bietet in jedem Fall wertvolle diagnostische Informationen. So können bei negativen Ergebnissen teure Eingriffe und unnötige Ernährungseinschränkungen vermieden werden. Bei positiven Ergebnissen hingegen wird eine wirksame und frühzeitige Diagnose und Behandlung beim Facharzt ermöglicht, wobei das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt wird und weitere Darmschädigungen ausgeschlossen werden. Dadurch wird die Lebensqualität des Patienten signifikant verbessert.

Ein Fach-Interview zum Thema Zöliakie mit Professor Stephan Vavricka, Abtei- lungsleiter Gastroenterologie und Hepatologie am Stadtspital Triemli Zürich

Herr Professor Vavricka, Zöliakie wird landläufig mit Bauchschmerzen und Diarrhoe assoziiert. Welche weiteren Symptome deuten auf eine mögliche Erkrankung hin?

Stephan Vavricka: Die Hauptsymptome bei einer Zöliakie sind ganz klar Diarrhoe, Gewichtsverlust und Eisenmangel. Gerade Patienten mit Eisenmangel kommen oft zu uns Gastroenterologen. Blutproben und Magenspiegelung führen dann häufig zur Diagnose Zöliakie. Es gibt aber auch seltenere Symptome. Zum Beispiel Schwäche, Blähungen, Bauchschmerzen, Muskelkrämpfe, Übelkeit oder Wassereinlagerungen in den Beinen. Ganz selten kann sich eine Zöliakie auch mit Verstopfungen präsentieren. Mit anderen Worten: Viele verschiedene Symptome können auf eine Zöliakie deuten.

Wann soll man zum Arzt, um sich unter- suchen zu lassen?

Generell sollte man zum Arzt, sobald Alarmsymptome auftreten. Zu diesen gehören sicher Durchfall, der länger als vier Wochen andauert, Gewichtsverlust, sehr starke Müdigkeit sowie Blutarmut. Solange man nur Blähungen oder gelegentlich wässrigen Stuhlgang hat, kann man mit dem Arztbesuch durchaus auch warten. Verbessert sich der Zustand nicht, lohnt es sich aber auch bei diesen Patienten, früher oder später zum Arzt zu gehen.

Soll man bei einem «Laienverdacht» auf Zöliakie den Arzt direkt darauf ansprechen respektive einen Test verlangen, wenn dieser ihn nicht von sich aus verschreibt?

Unbedingt! Man muss sich trauen, den Arzt auf einen Verdacht anzusprechen. Dies auch deshalb, weil Zöliakie nicht primär mit einer Magenspiegelung, also mit einer invasiven Methode, nachgewiesen werden muss. Mit dem einfachen Bluttest kann eine gute Vorhersage getroffen werden. Diesen Test kann und soll man als Patient beim Arzt ungeniert verlangen.

Ist der Test krankenkassenpflichtig?

Ja.

Denken Sie, dass Hausärzte genügend auf die Thematik Zöliakie sensibilisiert sind? Besteht Nachholbedarf seitens Forschung oder Ausbildung?

Wir haben in Zusammenarbeit mit der Patientenorganisation IG Zöliakie eine Studie mit ungefähr 1700 Betroffenen durchgeführt. Dabei hat sich herausgestellt, dass es in der Schweiz durchschnittlich fast sieben Jahre dauert, bis die Diagnose Zöliakie gestellt wird. Interessanterweise werden Frauen weniger schnell diagnostiziert als Männer. Dies wahrscheinlich deshalb, weil bei Frauen häufig die Fehldiagnose «Reizdarm» gestellt wird. Wir haben aus der Studie auch herausgelesen, dass die diagnostische Verzögerung nicht nur durch den Patienten bedingt ist, sondern auch die Reaktionszeit seitens der Ärzte relativ lange ist. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass Hausärzte, Gastroenterologen und Ärzte anderer Fachrichtungen an die Möglichkeit einer Zöliakie denken.

Wie hängen langfristige Folgeerkrankungen wie z. B. Infertilität oder Osteoporose mit Zöliakie zusammen?

Bei der Infertilität könnte eine Rolle spielen, dass es sich bei der Zöliakie um eine autoimmune Erkrankung handelt. Das heisst, dass das eigene Immunsystem den fremden Organismus abwehrt. Bei der Osteoporose hat die Medizin genauere Vorstellungen: Vitamin D und Kalzium werden im Dünndarm resorbiert. Wenn jedoch der Dünndarm nicht mehr richtig arbeiten kann, kommt es zu einem entsprechenden Mangel. Dies wiederum führt längerfristig zu einer Osteoporose.

Nochmals zurück zum Besuch beim Arzt: Welche Tests werden beim Arzt beim Verdacht auf Zöliakie vorgenommen? Wie lange geht es, bis das Resultat vorliegt?

In der Regel bestimmt man im Blut verschiedene Antikörper, die typischerweise bei einer Zöliakie vorhanden sind. Wenn eine solche Diagnose mittels Bluttest gestellt wird, muss sie mit einer Magenspiegelung bestätigt werden. Es gilt als Goldstandard, dass man dann noch Gewebsproben aus dem Dünndarm nimmt und untersucht, ob Veränderungen auftreten, die auf eine Zöliakie hinweisen. Ein Testresultat kann man nach einigen Tagen erwarten.

Angenommen, alle Proben belegen eine Zöliakie. Welche weiteren Abklärungen werden gemacht, bevor eine Therapie verschrieben wird?

Es empfiehlt sich, dass man bei der Diagnose einer Zöliakie zusätzlich die Knochendichte misst, um herauszufinden, ob der Patient bereits eine beginnende oder fortgeschrittene Osteoporose hat. Wichtig ist zudem, den Eisenstatus des Patienten zu bestimmen, da Patienten mit Zöliakie häufig zu Eisenmangel neigen. Ist dies der Fall, schlage ich gleichzeitig zur Gluten-Therapie noch eine Behandlung mit Eisen vor.

Besteht eine Zöliakietherapie ausschliesslich aus der glutenfreien Ernährung oder gibt es Medikamente respektive Nahrungsergänzungsmittel zur Unterstützung?

Nein, eigentlich reicht eine glutenfreie Ernährung. Bei fast allen Patienten verbessern sich die Symptome beziehungsweise wächst der Dünndarm nach einer glutenfreien Diät wieder so, dass keine Beschwerden mehr vorliegen. Diese Ernährungsweise muss jedoch lebenslang eingehalten werden.

Glutenfreie Ernährung scheint der neue Diättrend zu sein, vor allem wegen des Vorbilds einiger amerikanischer Stars. Wie sehen Sie diesen Trend?

Dazu muss ich noch eine Vorbemerkung anbringen: In der letzten Zeit wird vermehrt von einer anderen Krankheitsform gesprochen, die mit Gluten zusammenhängt: die sogenannte Nicht-Zöliakie-Gluten-Unverträglichkeit. Ob es diese Art von Glutenunverträglichkeit tatsächlich gibt, ist immer noch umstritten. Wir gehen aber tatsächlich davon aus, dass ein grosser Teil unserer Patienten mit Symptomen wie beispielsweise Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen auf Gluten reagiert, ohne eine klassische Zöliakie zu haben.

Man muss also zwischen drei Fällen unterscheiden. Erstens: Der Patient hat eine klassische Zöliakie. Konsequenterweise sollte er sich glutenfrei ernähren. Zweitens: Den Personen mit einer Nicht-Zöliakie-Gluten-Unverträglichkeit rate ich, sich glutenfrei zu ernähren, wenn sie dabei eine Verbesserung spüren. Eine solche Diät ist mit grossem Aufwand verbunden. Der grösste Teil dieser Leute ist mit den positiven Auswirkungen während dieser Ernährungsumstellung jedoch sehr zufrieden und nimmt den Aufwand deshalb gerne in Kauf. Drittens: Dann gibt es noch jene Leute, die sich aus Trendgründen glutenfrei ernähren. Dies finde ich unsinnig und rate davon ab, denn es gibt keine Evidenz dafür, dass diese Leute von einer solchen Karenz in Sachen Schönheit profitieren.

Gibt es denn Anhaltspunkte dafür, dass es gesünder ist, sich glutenfrei zu ernähren?

Nein, dazu gibt es überhaupt keine Daten!

Herr Professor Vavricka, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

Zuvor war er Oberarzt in der Gastroenterologie am Universitätsspital Basel und Zürich sowie im Kantonsspital Winterthur. Neben seiner Funktion im Stadtspital Triemli, geht er einer Lehrtätigkeit an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich nach. Professor Vavricka ist der Präsident von IBD- net.ch, einer Kommunikationsplattform für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

Sein Staatsexamen in Humanmedizin schloss er an der Universität Zürich im Jahre 1996 ab. Es folgten die Ausbildungen zum Facharzt FMH für Innere Medizin (2001), Gastroenterologie und Hepatologie (2006).

Über uns

Die Phadia AG in der Schweiz ist ein Tochterunternehmen von Thermo Fisher Scientific Inc. (NYSE: TMO) und gehört zur Division ImmunoDiagnostics.

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