Sleeve-Gastrektomie

Sleeve-Gastrektomie: Rettungsanker bei extremer Adipositas. Wir wissen: Bald die Hälfte der Bevölkerung der Schweiz ist übergewichtig und fettleibig. Wir wissen auch: Übergewicht und Adipositas stellen ein schwerwiegendes Gesundheitsrisiko dar, wie adipositasassoziierte Morbidität und Mortalität zeigen. Wir wissen überdies: Bei extremer Adipositas hilft nur noch Bariatrische Chirurgie.

Prof. Dr. Ralf Konstantin Senner erläutert gegenüber «arzt | spital | pflege» die Vorteile der Sleeve-Gastrektomie. (Von Claude Bürki) Wer adipös ist, ist gefährdet. Denn zu den Komorbiditäten der Adipositas zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, arterielle Hypertonie, obstruktive Schlafapnoe, Refluxerkrankung, degenerative Veränderungen des Stützund Bewegungssystems, Stressinkontinenz, Infertilität/hochgradige Impotenz sowie erhöhte Karzinominzidenz. Auch Krebserkrankungen, psychische Störungen und bei Frauen Fehlgeburten treten dabei gehäuft auf. Und, faute de mieux, bei extremer Adipositas hilft nur noch eine chirurgische Therapie. Konservative Therapieansätze – diätetische, bewegungs- und/oder verhaltenstherapeutische Methoden – können bei extremer Adipositas keine Kehrtwende mehr bewirken. Ist der «Point of return» erreicht, etwa bereits ab BMI 35, muss der Patient unters Messer – wenn keine Kontraindikation vorliegt.

«Point of return» überschritten – es besteht Hoffnung

Prof. Dr. Ralf Konstantin Senner vom European Special Management Centre of Obesity Surgery (ESCOS), Zürich, favorisiert als Chirurg die roboterunterstützte Sleeve-Gastrektomie. Die Methode und ihr Hauptvorteil lassen sich auch für Laien verständlich wie folgt definieren: Bei der sogenannten Magensleeve-Resektion oder Sleeve-Gastrektomie wird die gewölbte Magenform zu einem Schlauch (engl. sleeve = Schlauch, Ärmel) verkleinert. Ein Teil des Magens wird dabei weggeschnitten (lat. resectio = das Abschneiden). Die Grundidee des Eingriffs beinhaltet zum einen die Reduktion des Magenvolumens. Im Weiteren liegen zahlreiche Zellen, die ein für das Hunger- und Appetitgefühl verantwortliches Hormon freisetzen (es heisst Ghrelin) in jenem Magenanteil, der für die Ausbildung eines Magenschlauches entfernt wird. Die Resektion reduziert somit auch das Aufkommen des Hungergefühls.

Wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg

Ein rundum besseres Leben – das ist der grosse Wunsch aller stark Übergewichtigen. Aber wie können sie sich diesen Wunsch erfüllen? Sie haben in der Regel eine lange «Frust-Karriere» hinter sich, haben alles versucht, um ihr Gewicht zu verringern, dieses Ziel jedoch niemals erreichen können. Beim besten Willen nicht … Brachiale Willenskraft, Ratschläge und Mahnungen mögen bei leicht Übergewichtigen Wirkung zeigen, «4 bis 5 Kilos bringt man mit konservativen Massnahmen als leicht Übergewichtiger schon mal weg, manchmal sogar noch etwas mehr», so Prof. Senner, «aber bei den stark Adipösen greift das nicht. Jede Diät frustriert zutiefst und attackiert das Selbstbewusstsein des Betroffenen.»

BAG: Übergewicht verursacht hohe Kosten
Wirkungsvolle ernährungsbezogene Massnahmen seien dringend notwendig, denn wie in vielen OECD-Staaten nähmen auch in der Schweiz die Gesundheitskosten schneller zu als das Bruttoinlandprodukt. Als wesentlicher Kostenfaktor nennt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Krankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus, Herz- Kreislauf-Krankheiten und Krebs, deren Risikofaktoren durch eine unausgewogene Ernährung negativ beeinflusst werden. Der Schweizerische Ernährungsbericht beziffert die Kosten für Übergewicht und Adipositas, die sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt hätten und heute über 5,8 Milliarden Franken pro Jahr betragen. Besonders Männer, Jugendliche und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau seien sich der Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit zu wenig bewusst, wogegen Frauen, ältere und gut Ausgebildete über mehr Ernährungswissen verfügten.

Lebenserwartung um 10 Jahre reduziert

«Die krankhafte Adipositas kann die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre verkürzen, das ist eine Tatsache. Die Komorbiditäten rund um die Fettleibigkeit sind zahlreich, vor allem Diabetes. 60 Prozent aller Fettleibigen haben einen Diabetes Typ 2. Davon ausgehend gibt es weitere Folgeerkrankungen, koronare Erkrankungen, Gelenkprobleme und und und …», eröffnet Prof. Senner das Gespräch. Das Gewicht allein sei nicht das einzige Kriterium für einen bariatrischen Eingriff. An zweiter Stelle sieht er die Krebserkrankungen, die bei extremer Adipositas begünstigt werden beziehungsweise eine direkte Verbindung haben. Das sei zunächst, in den 90er-Jahren, nur eine Spekulation gewesen, zehn Jahre später aber habe es Evidenz gegeben. «Bei einem BMI von über 40 beträgt das Krebsrisiko über 50 Prozent», ergänzt Prof. Senner. Bei den Frauen könne Adipositas über die erhöhten Östrogenwerte ein Mamakarzinom bewirken, etwa durch Hyperinsulinämie.

Warum operieren?

«Warum operieren wir die Fettleibigkeit? Aus vielerlei Gründen: Eine Fettleibigkeit mit Komorbiditäten – bereits ab BMI 35 – hat eine chirurgische Indikation. In der Schwedische Obesity-Studie (SOS-Studie) wurden Patienten, die eine Bypass-OP bzw. ein Magenband hatten, mit Patienten verglichen, die eine konventionelle Betreuung erfuhren, um ihr Übergewicht zu reduzieren. Zehn Jahre nach der Behandlung zeigte sich bei den Patienten, die konservativ behandelt worden waren, eine Gewichtszunahme. Bei der anderen Gruppe zeigte sich im weitesten Sinne eine Heilung der Komorbidi täten aufgrund der erzielten Gewichts reduzierung. Nach rund tausend Sleeve-Gastrektomien haben wir mit dieser Methode rund 70 Prozent der Fälle mit Diabetes Typ 2 ausgeschaltet, auch bei Insulinpflichtigen. Das ist eine beacht liche Zahl. Ich hatte Patienten, die 150 Insulineinheiten nehmen mussten. Das stimuliert den Appetit und stellt einen Teufelskreis dar. Die Diabetiker Typ 2 haben zudem in aller Regel noch mindestens eine weitere Koerkrankung. An zweiter Stelle bei unserer Evaluierung nach tausend Gastrektomien war bei arterieller Hypertonie in 72 Prozent der Fälle der Bedarf nach Medikation nicht mehr vorhanden. Und bei manchen Patienten, bei 22 Prozent, die mehrere Medikamente nehmen mussten, konnte man die Zahl der einzunehmenden Medikamente reduzieren. Auch bei der Schlafapnoe sind die Resultate beeindruckend. 33 Prozent der Adipösen hatten Schlafapnoe, nach der Operation hatte jedoch keiner mehr Bedarf für eine nächtliche CPAP-Unterstützung.» Und bei jungen adipösen Frauen können sogar Infertilitätsprobleme behoben werden, so Prof. Senner.

Das Magenband ist passé

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Sleeve Gastrectomy: Warum der Hype?

Das Magenband, während Jahren «State of the art», ist gemäss Professor Senner passé. «Es gab viele Komplikationen; Patienten, die hochkalorische Getränke zu sich nahmen oder Tricks anwendeten, um die Barriere zu überwinden», begründet er. Vor gut zehn Jahren sei diese Ära vorbeigegangen. Seit 2005 etwa sei die Sleeve- Gastrektomie die Option. Viele seiner Kollegen seien mit den Resultaten des Magenbandes – aber auch mit denen anderer Methoden – unzufrieden. Prof. Senner erwähnt auch die andere Methode, den laparoskopischen Magen- Bypass, der im Gegensatz zum laparoskopischen Magenband ein Eingriff darstellt, bei dem Magen und Dünndarm durchtrennt und wieder neu miteinander verbunden werden. Dieser Eingriff ist invasiver und mit mehr Komplikationen behaftet, die es bei der Gastrektomie nicht gebe.Beide sind heute Standard-Verfahren. Zum Blog

Vorteile der Sleeve-Gastrektomie-Verfahren.
 Die in der Ärzte-Fachzeitschrift «Bariatric News» veröffentlichte Studie (Dez. 2012) attestiert der Sleeve-Gastrektomie wesentliche Vorteile: − beachtliche Gewichtsreduktion − niedrige Komplikationsrate − Verbesserung /Reduzierung der Komorbiditäten − Veränderungen der Essgewohnheiten − implizite Verbesserung der Disziplin (Life style) − bessere Lebensqualität − neue, lebensfrohe Identität. Original-Zitat aus der Studie: «Robotic LSG improves all enumerated comorbidities and helps our morbidly obese patients achieve a better quality of life with weight reductions of between 40 and 140 kgs a year,» concluded Senner. «The procedures also result in a positive change in the character of the patients, as they change their habits their motivation to change becomes more disciplined.»

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