Prof. Dr. Andrea Belliger

Frau Prof. Dr. Andrea Belliger, Sie sind schon längere Zeit an den Hochschulen in Luzern tätig. Sind Sie in spezieller Weise mit dem Gesundheitswesen verbunden?

Das Gesundheitswesen ist Gegenstand meiner Forschungen im Bereich Kommunikationswissenschaft und neben den Bereichen Bildung, Verwaltung und Wirtschaft ein Beobachtungs- und Anwendungsgebiet unter anderen, an dem sich die Veränderungen des gesellschaftlichen Kommunikationsverhaltens auf interessante Art und Weise zeigen. Ich bin, was das Gesundheitswesen betrifft, also eher ein enthusiastischer Amateur.

E-Health ist das «Special-Thema» in unserem aktuellen Heft. Gefällt es Ihnen in diesem Bereich und seit wann und mit welchen Aufgaben sind Sie im Speziellen im Gesundheitswesen verbunden?

Ich beschäftige mich seit etwa 5 Jahren mit dem Thema eHealth und zwar aus der Perspektive der Vernetzungsthematik. eHealth ist für mich Oberbegriff für alle Formen der Vernetzungen im Gesundheitsbereich, sei dies auf technischer, organisationaler oder kommunikativer Ebene. Mich interessieren dabei Fragen wie: Wie wirken sich neue Formen der Netzwerkbildung auf das Zusammenspiel der Akteure im Gesundheitswesen aus? Wie verändern sich die Ansprüche von Patienten und Gesundheitskonsumenten ans Gesundheitswesen als Makrosystem? Wie gehen die Leistungserbringer und Kostenträger mit den neuen Forderungen nach Kommunikation, Partizipation und Transparenz um? Wie verändern neue Technologien den Umgang mit Gesundheit und Krankheit? Oder allgemeiner: Wie können sich die verschiedensten Handlungen individueller Akteure zusammenfügen und überindividuelle Strukturen bilden? Wie kann die Kluft zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Mikro- und Makro-Akteuren überbrückt werden? Wie entstehen soziale Strukturen, Institutionen und Organisationen aus den verschiedenen und sich oft widersprechenden Interaktionen der sozialen Akteure? Für diese Fragen ist das Gesundheitswesen ein hervorragendes Forschungsobjekt.

Können Sie uns etwas über das Gestern 30 Jahren zurück, das Heute und das Morgen oder das Quo vadis im Gesundheitswesen sagen?

Wir erleben in allen Gesellschaftsbereichen seit einigen Jahren eine Transition von Systemen hin zu Netzwerken als den vorrangigen Organisationsformen. Diese Veränderung betrifft auch das Gesundheitswesen. Netzwerke erklären, wie soziale Strukturen aus Interaktionen entstehen. Ein Netzwerk wird allgemein als eine Ansammlung von miteinander verbundenen Akteuren definiert. Akteure in einem Netzwerk sind einzelne Personen, Gruppen, Organisationen, aber auch Technologien wie ein KIS, ein Spitalgebäude oder ein organisationaler Prozess. Die Beziehungen zwischen den Akteuren können sehr verschieden sein: freundschaftliche Beziehungen, Geschäftsbeziehungen oder Austausch über gemeinsame Interessen wie z.B. eine gemeinsame Krankheit. Netzwerke können so klein sein wie eine Familie oder so gross wie das gesamte Worldwideweb.

Im Gegensatz zu Systemen haben Netzwerke durchlässige und unscharfe Grenzen. Es ist weniger wichtig zu wissen, wer oder was dazu gehört, als zu wissen, wer mit wem verbunden ist. Solche Verbindungen können als Kommunikationen verstanden werden. Das Netzwerk differenziert sich von anderen Netzwerken nicht durch Grenzen, sondern durch die Intensität und Qualität von Kommunikationen. Für einen Patienten mit Diabetes gehört deshalb seine weltweit aus virtuellen Freunden bestehende Diabetes- Community z. B. auf PatientsLikeMe genauso zum Netzwerk wie der Arzt im Spital, sein Case Manager bei der Versicherung und sein Blutzuckermessgerät. Ein Netzwerk wird durch die kommunikativen Handlungen der Akteure geschaffen. Netzwerke entstehen dadurch, dass Akteure Verbindungen zu anderen Akteuren aufnehmen bzw. versuchen, diese gegebenen Verbindungen zu ändern oder zu steuern.
Im Gegensatz zu Systemen, die zur eigenen Identitätsbildung möglichst eindeutig wissen müssen, wer sie sind, erlauben Netzwerke multiple Identitäten. Jeder Akteur in einem Netzwerk ist gleichzeitig Teil anderer Netzwerke. Gesundheit und Krankheit betrachte ich je anders, je nachdem ob ich im konkreten Fall Patientin, Steuerzahlerin und Versicherungsnehmerin bin. Ein Netzwerk kann – ebenfalls anders als ein System – gleichzeitig verschiedene Ziele verfolgen. Dies alles macht es äusserst schwierig, Netzwerke wie traditionelle Organisationen zu managen oder top down zu steuern. Netzwerke sind flexibel, innovativ und komplex. Wandel ist in Netzwerken grundgelegt. Für ein Netzwerk entsteht Ordnung nicht dadurch, dass möglichst viel Komplexität durch zentrale Steuerung, klare Zielsetzungen und strenge Funktionalisierungen reduziert wird, sondern durch das Freisetzen der Kräfte der Selbstorganisation. Ordnung entsteht «bottom up».

Das Gesundheitswesen als Netzwerk zu verstehen, ist interessant, weil wir damit einen Denkansatz zur Verfügung haben, der Verbindungsmöglichkeiten zwischen autonomen, markt- und eigeninteressenorientierten Individuen auf der einen Seite und Makrostrukturen, hierarchischen Gebilden, fixen Handlungsvorgaben und normativen Gruppenregeln auf der anderen Seite herstellt.

Ist unser Gesundheitssystem zu teuer?

Das Schweizer Gesundheitssystem ist teuer, aber sehr leistungsfähig – das sagen zumindest OECD und WHO. Was uns fehlt, ist ein gesellschaftlicher Diskurs über «Wert», über das Verhältnis von Kosten und Nutzen, darüber, was uns was wert ist. Es geht in diesem Diskurs, der es kaum je über die Ebene der gesundheitspolitischen Insiderkreise hinausschafft, um die Auseinandersetzung darum, welches Gesundheitswesen das angemessenste ist und welches Menschenbild ihm zugrunde liegen soll. In dieser Diskussion müssen die Gesundheitskonsumenten und Patienten eine wichtigere Rolle spielen als bisher. Welche Sparmöglichkeiten gibt es? Die Optimierungsmöglichkeiten und Brachlandschaften sind ja gemeinhin bekannt: Langzeitpflege, Medikamentenpreise, falsche Anreizsysteme, Managed Care, mehr Wettbewerb etc. Mein amerikanischer Kollege ePatient Dave de Bronkart, Vorreiter der ePatient- Bewegung, gibt noch einen interessanten Hinweis auf eine bisher praktisch ungenutzte Ressource im Gesundheitswesen: Patienten und ihre Angehörigen. Patienten können durchaus zur Effizienz des Gesundheitswesens beitragen: Sie sind zunehmend informiert, tragen Verantwortung für ihre eigene Gesundheit und sind bereit zu Kooperation, wenn Transparenz und Partizipation die Kommunikation prägen. Durch die gleichberechtigte Beteiligung von Patienten an Behandlung, Forschung, Innovation und gemeinsamer Wertschöpfung wird das Gesundheitssystem und jede einzelne Institution nämlich nicht nur effizienter, sondern auch wirksamer. Oder, um es mit Dave de Bronkart zu sagen: «Let patients help».

Welches sind Ihre Anliegen an die Akteure des E-Health?

Die grossen Forderungen seitens der Gesellschaft ans Gesundheitswesen lassen sich in den drei Forderungen nach Kommunikation, Transparenz und Partizipation zusammenfassen.

Was muss im kantonalen und im nationalen E-Health-Bereich unbedingt geändert werden?

Weniger Standespolitik, weniger regionale Interessen, mehr Kooperation, mehr Transparenz, mehr Kommunikation. Eine nationale Gesundheits- und Governance- Strategie, ein Gesundheitsartikel in der Bundesverfassung und ein Präventionsgesetz. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf das Vorgehen im Kanton Aargau. Unter Einbezug aller Interessengruppen werden kleine Pilotprojekte entlang des Behandlungspfades mit direkt sichtbarem Nutzen für alle Beteiligten gestartet. Von Beginn weg werden alle Stakeholder ins Projekt miteinbezogen und die Themen Trägerschaft und Nutzenanalyse angegangen.

Spezialisierung bei den Ärzten ist ein Dauerthema. Wir haben immer weniger Hausärzte. Was unternehmen Sie als Lehrbeauftragte?

Und wie sehen Sie diese Entwicklung über die nächsten zehn Jahre hinweg? Mein Einfluss ist sehr beschränkt. Ich bin eine Beobachterin des Gesundheitswesens, die ab und an einen Vortrag hält oder einen Artikel schreibt. Mit dem Weiterbildungskurs «CAS eHealth – Gesundheit digital» haben wir vor ein paar Jahren für Personen aus dem Gesundheitswesen – aus der medizinischen Praxis, Spitälern, den Pflegeberufen, aber auch aus den Versicherungen, der Politik und Industrie – eine Plattform geschaffen für die vertiefte Auseinandersetzung und den inhaltlichen Austausch zu aktuellen Themen der Digitalisierung des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit und seinen technischen, gesellschaftlichen, organisationalen, businessbezogenen und ethischen Voraussetzungen und Folgen über Standesgrenzen hinweg.

Frau Prof. Dr. Andrea Belliger, welches sind Ihre Erfahrungen landesweit nach einem Jahr mit DRG? Wie stellen Sie sich weiterhin hinter diese Fallpauschalen?

DRG ist ein Abrechnungssystem wie andere auch. An diesem System wird aber exemplarisch ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Weltanschauungen und Kulturen sichtbar: Ökonomie und Medizin. Auf der einen Seite stehen Standardisierung, Effizienzsteigerung, Rationalisierung, Controlling und dies in dem mehr oder weniger geschlossenen System Spital. Die Logik des Systems ist die Logistik. Und Gesundheit wird anlog zu anderen Waren behandelt. Die Medizinseite betont ihren Anspruch auf Individualisierung, personalisierte Betreuung und umfassende Versorgung. Ein explosiver «culture clash».

Nun zu den Herzzentren in der Schweiz. Die Entscheidung ist gefallen, 3 Herzzentren und wo diese Zentren sein sollen. Was für eine Stellung nehmen Sie als Lehrbeauftragte ein und haben Sie eine persönliche Meinung?

Ein schweizerischer Kompromissentscheid oder besser Nichtentscheid. Ob das der Sache oder einzelnen Exponenten dient, weiss ich nicht. Die Einheitskasse ist immer wieder ein Thema. Die SP lanciert erneut wieder eine Initiative.

Was sagen Sie zu der Einheitskasse?

Ich kann mich für diese Idee nicht so recht begeistern. Eigenverantwortliche Wahlfreiheit ist mir ein Grundanliegen – sowohl als Bürgerin als auch als Patientin. Monopolsituationen sind mir im Blick auf Servicequalität sowie Heterogenität und Variabilität der Produktangebote leicht suspekt.

Und die Krankenkassenprämien? Können, dürfen diese Prämien immer weiter steigen? Haben wir diese Grenzen nicht bald ausgereizt?

Wir haben höhere Pflegekosten, das bedeutet höhere Prämien. Das Problem sind vielleicht nicht die Kosten als vielmehr die Art der Verteilung der Kosten, die Umverteilung von Jung zu Alt. Das müssen wir irgendwie abfedern.

Lassen Sie uns noch ein anderes brennende Thema zur Diskussion bringen. Was müssten unsere LeserInnen unbedingt noch wissen?

Ein weiteres spannendes Thema ist unser Umgang mit Gesundheitsdaten. Dieser wird ja kontrovers diskutiert. Eine Offenlegung zwecks effizienter Datenbearbeitung und Abrechnung fordern die Versicherer, die Bewahrung des Arztgeheimnisses die Ärzte und den unantastbaren Schutz des Patientengeheimnisses die Das SchweizerDatenschützer und Patientenorganisationen. Umfragen zeigen, dass wir – als Patienten, Konsumenten oder Bürger – keine grundsätzlichen Ängste in Bezug auf die Digitalisierung unserer Daten haben. Wir fordern aber zunehmend und berechtigterweise die volle Kontrolle und Verwaltung der eigenen Daten und wollen eigenständig je nach Verwendung über den Datenzugang entscheiden. Dass Patienten durchaus bereit sind, ihre eigenen medizinischen Daten weiterzugeben, zeigt die «green button»-Bewegung. Deren Idee besteht darin, dass Patienten die Möglichkeit haben, ihre Daten, ganz ähnlich wie Organe, zu spenden, wenn sie das möchten, um so einen Beitrag an Forschung und Entwicklung zu leisten. Diese Art des Umgangs mit persönlichen medizinischen Daten gibt einen Hinweis auf eine viel breitere gesellschaftliche Entwicklung, nämlich ein neues konzeptionelles Verständnis von Privatheit. Wir erleben einen soziokulturellen Wandel in Richtung Aufhebung der Leitdifferenz zwischen öffentlich und privat. Die beiden Begriffe «privat» und «öffentlich», die sich auf den Wertekanon der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beziehen, werden heute überlagert durch so etwas wie eine Sozialsphäre oder eine Art Publicy, als Gegenentwurf zu Privacy, die weder dem Bereich des Privaten noch des Öffentlichen zugeordnet werden kann. Die Publicy als eine Art Sozialsphäre ist ein Ort, an dem ich Daten, Informationen, Gedanken und Interessen mit meinem sozialen Netzwerk, sei dies online oder offline, teile. Diese Sozialsphäre ist kein homogener Raum, sondern besteht aus unterschiedlichen sozialen Kontexten, in denen sich ein Individuum bewegt. Was ich meinen Geschäftspartnern auf der Plattform xing an Information über mich mitteile, unterscheidet sich von jenen Informationen, die ich auf Facebook oder in meinem Blog öffentlich mache. In den unterschiedlichen Kontexten sind jeweils andere Informationen über mich öffentlich oder privat.

Anstatt an der Unterscheidung privatöffentlich festzuhalten, sollten wir daher vielleicht zwischen verschiedenen sozialen Kontexten unterscheiden. Diese haben jeweils spezifische Normen, die die Weitergabe persönlicher Informationen regeln. Nur wenn diese Normen eingehalten werden, ist die Integrität des Kontextes und der darin organisierten Sozialbeziehungen gewährleistet. Man könnte dies als «kontextuelle Integrität» bezeichnen. Aufgabe von Datenschutz und Privacybemühungen ist es, diese kontextuelle Integrität der Daten und die informationelle Selbstbestimmung der Patienten zu sichern. Das heisst zu gewährleisten, dass die Informationen in dem Kontext bleiben, in dem Patienten oder Gesundheitskonsumenten diese geäussert haben. In diesem Sinn ist der traditionelle Umgang mit Gesundheitsdaten, wie er sich z. B. im Arztgeheimnis manifestiert, eher ein Auslaufmodell, da es nur das Entweder-oder zwischen öffentlich und privat kennt und die netzwerkartige Sozialsphäre auf den engen Kontext der Arzt-Patient-Beziehung reduziert.

Frau Professor Belliger besten Dank für dieses Interview.

Das Interview wurde geführt von Remo Cottiati, Redaktor und Inhaber der Fachzeitschrift arzt|spital|pflege

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Angaben zur Person

Andrea Belliger ist Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Luzern und Co-Leiterin des Instituts für Kommunikation & Führung IKF in Luzern. Sie ist VR-Mitglied von Bluecare und Lernnetz. Sie forscht, lehrt und berät Organisationen zu Fragen von Trends und Veränderungen im gesellschaftlichen Kommunikationsverhalten, insbesondere in den Bereichen Bildung, Verwaltung und Gesundheit. Sie konzipiert Weiterbildungsmassnahmen, entwickelt Lehrpläne und Curricula, unterstützt Organisationen bei Entwicklungsarbeiten, hält Vorträge, Inputs und in house Schulungen in Organisationen ganz unterschiedlicher Art. Themenschwerpunkte sind: Kommunikationswissenschaft, digitale Gesellschaft, Bildung und Neue Medien, Wissensmanagement, Zukunft der Verwaltung – eGovernment, Gesundheit digital – eHealth, Social Media

 

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