Pascal Strupler

Herr Pascal Strupler, Sie sind seit Anfang 2010 Direktor des Bundesamtes für Gesundheit. Gefällt es Ihnen in diesem Amt, und welches sind Ihre hauptsächlichen Aufgaben? 

Das BAG will die Gesundheit aller Menschen, die in der Schweiz leben, schützen und fördern. Ein solcher Aufrag verpflichtet und ist mit einer bedeutenden, aber faszinierenden Verantwortung verbunden. Man ist nicht einer Sache, sondern den Menschen verpflichtet. Das ist motivierend. Zu unserer Aufgabe gehört, dass wir jede Einzelne und jeden Einzelnen befähigen, die Verantwortung für die eigene Gesundheit wahrzunehmen. Zum anderen sind wir für ganzheitliche Lösungen in der Gesundheitsförderung, in der Prävention, im Gesundheitsschutz und in der Heilung und Linderung von Krankheiten und Unfällen verantwortlich.

Sie blicken auf eine lange Karriere in der Bundesverwaltung zurück. Wie kommt Ihnen diese Erfahrung in der jetzigen Tätigkeit im Gesundheitswesen zustatten? 

Das Gesundheitswesen ist ein Politikbe- reich, der in unzählige politische und wirt- schaftliche Felder hineinspielt. Meine Tätigkeiten im Finanzdepartement, im seco, im Integrationsbüro, als persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrates und insbesondere als Generalsekretär des Eidgenössischen Departementes des Innern (EDI) haben mir innerhalb und ausserhalb der Bundesverwaltung einen fundierten Einblick und eine breite Vernetzung ermöglicht. Dank diesen Erfahrungen kann ich solide agieren und reagieren.

Können Sie uns etwas über das Gestern (30 Jahre zurück), das Heute und das Morgen oder das Quo vadis im Gesundheitswesen sagen? 

Wir alle profitieren seit jeher von einem sehr gut funktionierenden Gesundheitssystem. Die Menschen, die in der Schweiz leben, werden in hoher Qualität versorgt. Das haben in- und ausländische Experten und Expertinnen mehrfach bestätigt. Auch die Patientinnen und Patienten zeigen sich zufrieden. Darauf können wir stolz sein. Dennoch gibt es Schwachpunkte, beispielsweise die zu geringe Ausrichtung unserer Versorgung auf die Betreuung von chronisch kranken Menschen oder die noch mangelhafte Transparenz und Steuerbarkeit des Systems. Zudem ist und bleibt der permanente Kostenanstieg eine Sorge. Wir müssen Antworten finden auf diese Herausforderungen und dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem für alle zugänglich und bezahlbar bleibt.

Ist unser Gesundheitssystem zu teuer? 

Das Schweizerische Gesundheitssystem ist sehr gut, im internationalen Vergleich aber auch eines der teuersten. Wir geben rund elf Prozent des Bruttoinlandpro- dukts für die Gesundheit aus. Die ent- scheidende Frage ist, ob wir das heutige Niveau auch zu einem etwas günstigeren Preis haben könnten. Expertinnen und Experten bejahen dies und sind sich einig, dass unser Gesundheitssystem ein Effizienzpotenzial von gegen 20 Prozent hat. Das heisst: Die Kosten für die erbrachten Leistungen können gesenkt werden, wenn wir alle Möglichkeiten konsequent ausschöpfen.

Welche Sparmöglichkeiten gibt es? 

Es gibt viele Möglichkeiten, das heutige Leistungsniveau und die Versorgungsqualität zu halten und gleichzeitig die Kosten zu dämpfen. Zentral ist dabei der Wandel der heute eher zersplitterten hin zu integrierten Versorgungsstrukturen. Das heisst: Die Patientin oder der Patient hat während der ganzen Behandlungskette die gleichen Ansprechpartner, und diese können die Behandlungsangebote opti- mal koordinieren. Auch die regelmässige Überprüfung der Wirksamkeit und Effizienz der Leistungen im Grundleistungska- talog ist wichtig. Auch bei den Medikamentenpreisen werden wir aufmerksam bleiben. Viel versprechen wir uns auch durch den Aufbau elektronischer Dienste, insbesondere durch den Einsatz elektronischer Patientendossiers. Sie bringen nicht nur Qualitätsverbesserungen, sondern mittel- und langfristig auch Kosteneinsparungen. Meines Erachtens kann eine bessere Früherkennung, eine gezieltere Prävention und eine höhere Gesundheitskompetenz der Leute einiges zur Kostendämpfung beitragen.

Welches sind Ihre Anliegen an die Akteure des Gesundheitswesens?

Der Bundesrat hat mit der Gesamtschau Gesundheit2020 seine gesundheitspoli- tischen Prioritäten gesetzt. Dies mit dem Ziel, unser Gesundheitssystem optimal auf die Herausforderungen der Zukunft auszurichten. Die entsprechenden 36 Massnahmen können aber nur umgesetzt werden, wenn alle Akteure konstruktiv mitarbeiten. Auch in Zukunft werden nicht alle gleicher Meinung sein. Unser gemeinsames Ziel muss aber sein, Blockierungen aufzuheben und konstruktiv an Kompromisslösungen zu arbeiten. Dafür müssen alle Schritte machen – im Interesse unserer Bevölkerung. Das BAG nimmt dabei eine entscheidende Rolle als Impulsgeber und Vermittler ein.

Was muss unbedingt verbessert, geändert werden im kantonalen Gesundheitswesen?

Die Kantone sind für die Versorgung zu- ständig und haben im stationären Bereich die entsprechenden Kompetenzen. Zwei Probleme wollen wir angehen: Wir möch- ten, dass die Kantone ihre Verantwortung auch im ambulanten Bereich wahrneh- men können. Weil die Steuerungsmöglichkeiten heute sehr begrenzt sind, können sie kaum etwas gegen Über- und Unterversorgungen unternehmen. Sie brauchen in diesem Bereich griffigere Instrumente. Zudem werden immer mehr Leistungen ausgegliedert und ambulant erbracht. Da der ambulante Bereich vollständig über Prämien, der stationäre aber je zur Hälfte über Prämien und über Steuern finanziert wird, droht eine überproportionale Verteuerung der Prämien. Wir müssen Wege finden, um das Verhältnis zwischen Prämien- und Steuerfinanzierung besser auszutarieren. Nur so bleiben die Prämien für einkommensschwache Menschen bezahlbar.

Und was muss bedingt geändert werden im Gesundheitswesen schweizweit?

Der Bundesrat hat in Gesundheit2020 aufgezeigt, dass es in vier Bereichen Änderungen braucht, die uns alle betreffen werden. Es braucht zusätzliche Massnahmen, um unsere Lebensqualität und die Versorgungsqualität zu verbessern, die Chancengleichheit zu erhöhen sowie die Transparenz zu verbessern. Grössere Würfe oder Vorhaben sind in der Politik und insbesondere in der Gesundheitspolitik unseres Landes nicht realistisch. Deshalb wollen wir in vielen kleinen Schritten vorankommen.

Spezialisierung bei den Ärzten ist ein Dauerthema. Wir haben immer weniger Hausärzte. Was unternehmen Sie als Direktor des Bundesamtes für Gesundheit? Und wie sehen Sie diese Entwicklung in zehn Jahren?

Wir bilden heute zu wenig Ärztinnen und Ärzte aus. Diese Lücke schliessen wir momentan durch Mediziner, die ihre Ausbildung im Ausland absolviert haben. Dies ist ein unhaltbarer Zustand, den wir korrigieren werden. Die Zahl der Studienplätze wird in den nächsten Jahren erhöht. Zu Versorgungsengpässen ist es bisher glücklicherweise nicht gekommen, auch wenn im Einzelfall bei einer Pensionierung eine Praxis nicht übergeben werden konnte. Bei der Hausarztmedizin gehen wir die Herausforderungen über einen eigens dafür entwickelten Masterplan an. Es braucht hier Massnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung, der For- schung, aber auch bei der Abgeltung der hausärztlichen Leistungen. Eine gesteigerte Bereitschaft der Ärzteschaft, sich für die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren und für die Einführung von eHealth-Instrumenten einzusetzen, dürfte auch Fortschritte bringen.

Wie stellen Sie sich weiterhin hinter Managed Care?

Wir streben weiterhin eine enge Zusammenarbeit zwischen den Leistungserbrin

gerinnen und -erbringern an, um die Qualität der Versorgung hoch zu halten und Doppelspurigkeiten zu vermeiden. Wir müssen in diesem Bereich neue Lösungen finden. Der Ball liegt aktuell bei den Leistungserbringern und bei den Versicherern: Sie sollen neue Formen und Modelle vorschlagen und umsetzen.

Nun zu den Herzzentren in der Schweiz. Bis Ende Jahr soll eine Entscheidung gefällt werden, ob es nur noch zwei Herzzentren geben soll und wo diese Zentren sein sollen. Was für eine Stellung nimmt hier der Bundesrat ein, und haben Sie eine persönliche Meinung dazu?

Die Planung der hochspezialisierten Medizin liegt in der Verantwortung der Kantone. Eine Konzentration ist zweifellos wünschenswert. Falls sich die Kantone nicht einigen können, müsste der Bund entscheiden. Wir warten jetzt einmal ab, wie die kantonalen Verhandlungen im Rahmen der interkantonalen Vereinbarung zur hochspezialisierten Medizin ausgehen. Wir werden, zusammen mit den Kantonen, eine Bilanz ziehen und das weitere Vorgehen besprechen.

Herr Direktor Strupler, welches sind Ihre Erfahrungen nach einem Jahr mit DRG? Probleme, Vorteile?

Die neue Spitalfinanzierung wurde auf den 1. Januar 2012 eingeführt. Es ist noch zu früh, um ein Urteil über den Erfolg der Reform zu fällen, wir müssen noch Erfahrungen sammeln und auswerten. In Deutschland dauerte es mehrere Jahre, bis das System reibungslos funktionierte. Ich stelle fest, dass alle wichtigen neuen Prozesse in der Schweiz laufen, wir sind also auf Kurs. Die Kostenentwicklung 2012 in den Spitälern ist nicht beunruhigend.

Die Einheitskasse ist immer wieder ein Thema. Die SP lanciert erneut eine Initiative. Was sagen Sie zu der Einheitskasse?

Die Volksinitiative weist auf ein tatsächlich existierendes Problem hin: Der Wettbewerb zwischen den Kassen hat die in ihn gesetzten Erwartungen bisher noch nicht erfüllt. Die Versicherer konzentrieren sich zu stark auf die Selektion von guten Risiken und werben einander gesunde, junge Menschen ab. Der Gegenvorschlag des Bundesrates sieht hier Korrekturen vor. Der Vorschlag der Einheitskasse geht meiner Ansicht nach zu weit. Man kann den grundsätzlich erwünschten Wettbewerb zwischen den Kassen mit gezielten Korrekturen in die richtigen Bahnen lenken.

Und die Krankenkassenprämien? Können, dürfen diese Prämien immer weiter steigen? Haben wir diese Grenzen nicht bald ausgereizt?

Die Kosten werden wegen der demographischen Entwicklung und wegen einzelner Bereiche des medizinisch-technischen Fortschrittes weiter steigen. Die Menschen in der Schweiz werden durchschnittlich älter, die Zahl der chronischen Erkrankungen nimmt zu, gleichzeitig werden aber auch die Behandlungen besser und teilweise leider teurer. Dieser Entwicklung werden wir nicht tatenlos zusehen. Der Bundesrat setzt stark auf die Ausschöpfung der bereits angetönten Effizienzpotenziale. Die Verbesserung der Behandlungsqualität wirkt ebenfalls kostendämpfend, weil sie Folgekrankheiten und unnötige Arztbesuche verhindert.

Die Alterspolitik wird zunehmend ein heisses Thema. Wir werden immer älter. Wie beurteilen Sie die Alterspolitik in der Schweiz?

Es ist schön, dass wir immer länger und immer häufiger auch in guter Gesundheit länger leben können. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Wir müssen dafür sorgen, dass genügend und gut ausgebildetes Pflegepersonal zur Verfügung steht, wenn wir doch erkranken. Auch dem würdevollen Sterben müssen wir mehr Aufmerksamkeit schenken. Viele Menschen können heute nicht zu Hause im Kreis der Familie und der Freunde sterben, obschon sie es sich wünschen.

Lassen Sie uns noch ein anderes brennendes Thema zur Diskussion bringen. Was müssten unsere Leserinnen und Leser unbedingt noch wissen?

Ich empfehle allen Leserinnen und Lesern die Lektüre der bundesrätlichen Gesamtschau Gesundheit2020. Sie ist unter www.gesundheit2020.ch zu finden. Wir freuen uns über jede Rückmeldung!

Herr Strupler besten Dank für dieses Interview.

Das Interview wurde geführt von Remo Cottiati, Redaktor und Inhaber der Fachzeitschrift arzt|spital|pflege

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