Holzwolle – einst begehrt für die Wundversorgung und Monatshygiene

Holzwolle war einst ein begehrtes Material, das in der chirurgischen Wundversorgung und in der Monatshygiene seinen festen Platz hatte. Das war vor rund 150 Jahren der Fall. Heute ist das Wissen über den natürlichen Werkstoff Holzwolle verschüttet. Vorurteile, Irrtümer, vermeintliche Bedeutungslosigkeit prägen das Bild der Holzwolle heute. Dem will der Inhaber der einzigen Holzwollemanufaktur der Schweiz entgegenwirken.Aufhebung des Vertragszwangs

Thomas Wildberger, Inhaber der einzig noch verbliebenen Schweizer Holzwollemanufaktur weiss aus Erfahrung, dass dieses Wissen über Holzwolle kaum mehr vorhanden ist. Sogar in akademischen Kreisen und bei Meinungsführern diverser Fachbereiche war die Verblüffung gross, als Wildberger sie mit Daten und Fakten aus seinem selbstverlegten Buch «Werkstoffmonografie Holzwolle» versorgte. So schrieb unter anderem ein Professor der Veterinärmedizin:

Holzwolle ist nicht gleich Holzwolle

«Ich gebe zu, dass ich Holzwolle als Ausschuss- oder Abfallprodukt wahrnahm und daher als billige Alternative zu Desinfektionstüchern bei der Euterreinigung. Erst durch den Kontakt mit der Firma Lindner und dem Buch über Holzwolle wurde mir bewusst, welche Bedeutung dieser wohl weitherum unterschätzte Werkstoff hat. Sowohl das Buch wie auch meine Führung vor Ort konnten mir überzeugend darstellen, welche hohe Qualität an die Holzwolle gestellt werden, und dass Holzwolle nicht gleich Holzwolle ist. Das Buch vereint amüsante Reminiszenzen mit einer klaren wissenschaftlichen Aufarbeitung aus historischer Sicht und stellt für die Wissenschaft eine wichtige Quelle dar. Mögen durch das Buch die vielfältigen Qualitäten der Holzwolle, wie etwa die antiseptischen Fähigkeiten, einem breiteren Publikum bewusst werden. »

Vergessenes in Erinnerung rufen

Nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, auch unter Fachleuten wurde die Holzwolle fast nur als minderwertiges Material, das als Füllstoff beim Verpacken usw. Verwendung findet, wahrgenommen. Deshalb lancierte Wildberger sein Buchprojekt «Werkstoffmonografie Holzwolle ». Das ehrgeizige Ziel, das er sich gesteckt hat: Das verlorene Wissen zu recherchieren, zu sammeln, zu ordnen und ein auf nachvollziehbaren Daten und Fakten beruhendes Bild der Holzwolle zu zeichnen. Wildberger: «Es war mein grösstes Anliegen, das über Jahrzehnte vergessen gegangene Wissen über diesen natürlichen Werkstoff publik zu machen; denn die Eigenschaften der Holzwolle sind nicht nur mannigfaltig, sondern auch faszinierend – sofern es sich um Qualitäts- Holzwolle handelt.» Wildberger ist Mitte der neunziger Jahre, vor rund 20 Jahren also, zunächst als Partner bei der Firma Lindner in Wattwil eingestiegen, um sie später zu übernehmen. In dieser kurzen Zeitspanne ist es ihm gelungen, etliche neue Produkte aus Holzwolle zu lancieren. So präsentiert sich das heutige Sortiment, das vom Wattwiler Unternehmer angeboten wird, überaus facettenreich (siehe Kasten).

Antiseptische Eigenschaften

So weit die Gegenwart. Dass Holzwolle bereits vor mehr als einem Jahrhundert grosse Bedeutung in der Medizin hatte, förderten die Recherchen des Buchautors Hanspeter Frey zutage. Die Holzwolle machte erstmals in den 1860er-Jahren überraschend Furore in der Chirurgie, wo sie als begehrtes Hilfsmittel zur Wundversorgung entdeckt und eingesetzt wurde. Denn das Naturprodukt Holzwolle verfügt über ungeahnte, antiseptische Eigenschaften und kann Wundwasser zu einem grossen Teil speichern. Das war mit ein Grund, weshalb anno 1883 der deutsche Verbandstoffunternehmer Paul Hartmann auch Binden und Tampons für die Monatshygiene der Frauen auf den Markt brachte – aus Holzwolle.

2017 copyright by a|s|p - Umsetzung by Prismanova