Elektronisches Patientendossier – Stand heute

Elektronisches Patientendossier – was nun?

Das Parlament hat am 19. Juni 2015 deutlich mit 189:5 (Nationalrat) und mit 45:0 Stimmen (Ständerat) den Spitälern, Pflegeheimen und Geburtshäusern den Auftrag erteilt, bis in drei Jahren bzw. fünf Jahren (Heime) das elektronische Patientendossier («eHealth») umzusetzen und anzubieten gemäss «Strategie eHealth Suisse» und den im April dieses Jahres zur Vernehmlassung publizierten Ausführungsbestimmungen. Wo stehen wir heute, knapp ein Jahr später? Das Swiss eHealth Forum Bern gibt Antworten (InfoSocietyDays, 8.–11. März 2016, siehe arzt l spital l pflege Nr. 6/2015, Seiten 46–47). Von Carlo Lang 

Wir Menschen werden immer älter, und Mehrfacherkrankungen oder chronische Erkrankungen erfordern ein gutes Zusammenspiel zwischen verschiedenen Akteuren («Gesundheitsfachpersonen») wie Hausärzte, Spitäler, Apotheken, Spitex, Reha, Physiotherapeuten etc. Aber auch zum Beispiel nach einem Unfall durchläuft die Patientin oder der Patient mehrere Stationen, bei denen die Gesundheitsfachpersonen je nach Aufgabe die Anamnese, die Diagnosen, Laborberichte, Röntgenaufnahmen oder auch die Medikation der Patientin oder des Patienten einsehen und kennen sollten, um eine zielgerichtete Behandlung ohne Umwege zu ermöglichen. Das elektronische Patientendossier (EPD) ist ein geeignetes Instrument, eine Vernetzung rund um eine Patientin oder einen Patienten zu erreichen und die Informationslücken zu schliessen.

Pascal Strupler, Direktor Bundesamt für Gesundheit BAG, vergleicht den Stand von eHealth in der Schweiz mit jenem innerhalb von Europa und stellt fest, dass Länder wie Schweden, Dänemark oder Österreich bereits weiter sind als wir, dass jedoch innerhalb unseres Landes die welsche Schweiz in diesem Thema weiter fortgeschritten ist als die Deutschschweiz, wo der Kulturwandel noch nicht so weit fortgeschritten ist. Das Verständnis um den Patientennutzen in der Romandie ist grösser als in der deutschsprachigen Schweiz. Durch diesen unterschiedlichen Stand muss man aufpassen, dass am Ende in den 26 Kantonen nicht 26 verschiedene Lösungen sondern möglichst eine für alle gefunden wird. Spezielle Herausforderungen sind die Datensicherheit, die Schnittstellen und die Zugriffsrechte aufs einzelne Patientendossier. Die Steuerung dieser Zugriffsrechte

und die Einsicht der Daten durch deren Besitzer, die Patientin und der Patient, reiht sich da als Herausforderung mit ein. Es ist wichtig, meint Herr Strupler weiter, dass bei unserer hochstehenden und gleichzeitig auch teuren Gesundheitsversorgung nicht zuletzt mittels eHealth resp. EPD eine Optimierung der Behandlungsprozesse entsteht, was zu einer höheren Effizienz des Gesundheitssystems als Ganzes führen sollte.

Unnötige oder ineffiziente Behandlungen sollten so vermieden werden können. Dies ist auch ein Ziel in der Strategie des Bundesrates «Gesundheit2020»: die Verbesserung der koordinierten Versorgung, der effizientere Einsatz von medizinischen Leistungen, die Erhöhung der Patientensicherheit und die Versorgungsqualität. Die Fristen übrigens für die Beantragung von Finanzhilfen durch die Kantone und Spitäler betreffend eHealth-Projekten sind kurz, um die Einführung des EPD voranzutreiben.

eHealth – Stand heute

Über den aktuellen Stand in den Kantonen gibt Adrian Schmid, Leiter «eHealth Suisse», Koordinationsorgan Bund-Kantone, Auskunft. Während in den Kantonen Genf, Wallis, Tessin und St. Gallen bereits aktiv am Thema gearbeitet und es langsam umgesetzt wird, gefolgt vom Kanton Waadt, ist in den Kantonen Solothurn, Schaffhausen und in den beiden Kantonen Appenzell noch nichts Vergleichbares in diesem Bereich unternommen worden. «eHealth» ist offensichtlich bei den Leistungserbringern des Schweizerischen Gesundheitswesens angekommen. Das Thema steckt aber in puncto Bekanntheit, Anwendungsformen und Möglichkeiten in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen, und bei den einzelnen Akteuren besteht weiterhin Aufklärungs- und Informationsbedarf. Passend dazu wünschen sich heute klare Mehrheiten bei allen Leistungserbringern eine Ausbildung im Bereich eHealth. Bei den meisten Akteuren gilt das mehr denn je einzige Ausnahme bilden auch hier die Praxisärzte, die eher leicht weniger als auch schon an einer Aus- oder Weiterbildung in diesem Bereich interessiert sind.

Swiss eHealth Barometer

Das siebte Swiss eHealth Barometer enthält 2016 zum dritten Mal die von der OECD entwickelten Fragen zum Stand von eHealth. Befragt wurden für die On- line-Studie – bzw. für die bei der Ärzteschaft online und postalisch durchgeführte Studie – 594 repräsentativ ausgewählte Ärztinnen und Ärzte, 22 der 26 angeschriebenen eHealth-Verantwortlichen auf Ebene der Kantone, 95 eHealth- Verantwortliche von Spitälern, 374 Apothekerinnen und Apotheker, 498 Verantwortliche von Alters- und Pflegeheimen, 16 Verantwortliche der Kantonalverbände von Curaviva sowie erstmals in dieser Studienreihe 199 Mitglieder der nicht profitorientierten Spitex-Basisorganisationen (NPO-Spitex).

Dazu wurden 1212 stimmberechtigte Personen telefonisch über ihre Meinung rund um eHealth befragt. Lukas Golder, Mitglied der Geschäftsleitung gfs.bern, stellt die Ergebnisse des Barometers 2016 vor: Eine klare Mehrheit der Fachpersonen sieht im EPD Potenzial zur Verbesserung der koordinierten Versorgung und sieht ganz allgemein grössere Vorteile für die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten. Vorbehalte und Fragen gibt es betreffend Datenschutz (mit Mitverantwortung der Patientin/des Patienten) und Inhalt (was gehört in ein elektronisches Patientendossier und was nicht). Von den 1212 befragten Stimmberechtigten würden 39 Prozent sofort ein elektronisches Patientendossier eröffnen lassen (zunehmende Prozentzahl) und dieses auch verwenden. Weitere 10 Prozent würden dies auf Empfehlung hin tun. Am liebsten würden sie ein EPD beim Hausarzt eröffnen lassen (77 Prozent – jedoch möchten umgekehrt nur 21 Prozent der Praxisärzte für ihre Patientinnen und Patienten ein EPD eröffnen). 36 Prozent derjenigen Personen, die ein EPD eröffnen lassen würden, wären sogar bereit, etwas dafür zu zahlen, neun Prozent würden nichts zahlen wollen und der grosse Rest, 55 Prozent, weiss noch nicht, wer für die Kosten einer Eröffnung eines EPDs aufkommen sollte.

68 Prozent dieser 1212 befragten Personen wünschen sich ein werbefreies Patientendossier, wenn es eingeführt wird. Die Spitalärzteschaft steht dem EPD offener gegenüber (82 Prozent) als die Praxisärzteschaft, die am Nutzen des elektronischen Patientendossiers zweifelt. Immerhin führen bereits 46 Prozent der Praxisärzte eine elektronische Krankengeschichte ihrer Patientinnen und Patienten (2013: 35 Prozent), dies jedoch viel- mehr als Eigennutz (Zeitersparnis). Bei den Apotheken sind 43 Prozent für die Einführung eines EPDs, bei den Alters- und Pflegeheimen sind es 31 Prozent, bei der NPO-Spitex 39 Prozent und bei den Kantonen 82 Prozent.

xHealth

Der Weg von Informationen führt je länger je mehr weg vom Fax (eine Information geht von A nach B) hin zur digitalen Welt (eine Information wird von A erstellt und ist einsehbar von A, B und C etc.). Prof. Dr. Jürgen Holm, Leitung Institute for Medical Informatics, Berner Fachhochschule, bringt eHealth in den Kontext der digitalen Transformation im Gesundheitswesen und teilt das Themengebiet in vier verschiedene ICT-Health-Technologien auf, xHealth genannt (ausgesprochen «crossHealth»):

eHealth vernetzt Akteure und Technologien/ist die Vernetzung (Internet, Cloud)
pHealth misst und speichert personalisierte Daten (von trag- baren Messinstrumenten, eigene DNA etc.), personalHealth
mHealth ist die Schnittstelle zu den Menschen (Empowerment, Social Media), mobileHealth
aHealth ermöglicht automatische, z.T. auch autonome Prozessketten (Artificial Intelligence, Robotik, Logistik, Active and Assisted Living)

Die stattfindende Konvergenz dieser vier technologischen Be- reiche ist die Basis der digitalen Transformation. Sie setzt aber einen interoperablen Informationsfluss voraus. Dies ist insbesondere im Gesundheitswesen Grundlage für den Erfolg der Digitalisierung und damit auch des zukünftigen eHealths.

pHealth, die personalisierte Gesundheit, eröffnet gemäss Prof. Jürgen Holm zum Beispiel ganz neue Fragen bezüglich des Persönlichkeitsschutzes. Wir gehen heute davon aus, dass wir einen aufgeklärten Patienten vor uns haben, der aus freien Stücken bewusst einwilligt, dass seine Daten in z.B. klinischen Studien – auch pseudonymisiert – genutzt werden dürfen – man spricht von «informed consent». Das ist richtig, und die medizinische Forschung ist darauf angewiesen. Eine sequenzierte DNA eines Menschen hört beim eigenen Ich jedoch nicht auf: Durch eine DNA-Analyse lassen sich Krankheiten und Neigungen über Generationen verfolgen; auch aufs noch ungeborene Kind können Rückschlüsse gezogen resp. mögliche Prognosen erstellt werden. Brauchen wir hier ein «informed family consent»?
mHealth mit seinen Gesundheits- und Fitness-Apps auf Smartphones und Tablets beeinflusst viele von uns heute bereits und ermöglich nicht nur eine «Selbstvermessung», sondern auch ein «Selbst-Management», verbesserte Prävention und Aufklärung rund um die Gesundheit – «Empowerment».
aHealth ist ebenfalls ein sehr spannender Bereich: intelligente Assistenten, die sich im Alltag aktiv und vor einem Krankheits-/Unfallereignis bei uns melden und uns Vorschläge machen, wie wir dies vermeiden könnten, oder entsprechend Hilfe anfordern. Hierunter fallen die Techniken der autonomen Prozessketten, die künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) sowie «predictive intervention». Zum Blog

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