Ayurveda – mehr als Ölmassagen

Ayurveda, die traditionelle indische Heilkunst, wird in Asien als Heilmethode wissenschaftlich gelehrt und ist von der Bevölkerung dort akzeptiert. In der westlichen Welt wird Ayurveda oft mit «Wellness» gleichgestellt. Frau Schmid, als Magazin, das sich primär mit Aspekten der Schulmedizin befasst, möchten wir unseren Leserinnen und Lesern einmal Ihre Praxis für Naturheilkunde und Ayurveda-Medizin etwas näherbringen. Wer sind Ihre Patientinnen und Patienten, wer kommt zu Ihnen in die Praxis?

Das sind Menschen jeden Alters. Menschen mit akuten und chronischen Krankheiten, mit verschiedenen Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen. Ich habe beispielsweise auch Patienten, die die Nebenwirkungen einer Chemotherapie mildern wollen. Das sind, grob zusammengefasst, die Menschen, die zu mir kommen. Vor allem Patienten mit neurologischen Leiden und Stress- Syndromen können von Ayurveda stark profitieren.

Das ist ein breitgefächerter Kreis…

Diejenigen, die uns als erste Anlaufstelle aufsuchen, sind eher junge, moderne Menschen, könnte man sagen. Ich habe den Eindruck, dass die Leute zwischen 30 und 50 nicht mehr nur die konventionelle Medizin als Nummer eins konsultieren. Ältere Menschen wiederum finden oft den Weg zu uns, wenn sie eine Alternative zur Schulmedizin beanspruchen wollen. Westliche Medizin versucht ja in der Regel, Krankheiten punktuell anzugehen, mit Einzelsubstanzen in hoher Dosierung. Ayurveda-Medizin verändert das Milieu im Körper, dadurch werden Selbstheilungskräfte angeregt.

Ist Ayurveda als medizinische Therapieform erforscht?

In der Ayurveda-Medizin wird – genau wie in der Schulmedizin – Forschung betrieben, unter anderem an der Charité in Berlin (www.charité.de). Chronische Erkrankungen verursachen 75 Prozent der Gesundheitskosten. Die Charité sieht das als Herausforderung, sich in der Forschung zu engagieren, um die Wirksamkeit von Ayurveda zur Behandlung chronischer Erkrankungen zu beweisen.

Ihre Tätigkeit wird demnach vom Gesetzgeber anerkannt?

Ja, im Jahre 2014 wurde definitiv beschlossen, die Naturheilkunde mit verschiedenen Fachrichtungen – Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurveda-Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde – anzuerkennen. Im gleichen Jahr wurden die ersten Pilotprüfungen durchgeführt, jetzt, 2015, wurde eine zweite Kandidaten-Gruppe von Experten geprüft und geschult. Die offizielle Prüfung für die höhere Fachprüfung findet im November dieses Jahres statt. 15 Jahre wurde an der Anerkennung gearbeitet und gefeilt – wer ist zugelassen zu dieser Prüfung, was sind die Voraussetzungen, was muss man können. Das alles ist definiert, und die höhere Fachprüfung existiert. Sie entspricht der tertiären Bildungsebene.

Was genau sind die Kompetenzen?

Auch das ist klar definiert, man kann das im Berufsbild nachlesen, was dürfen, was können wir: http://www.oda-am.ch/de/beruf/.

Sie bieten im Rahmen Ihrer Tätigkeit verschiedene Behandlungen an. Woher kommt Ayurveda?

Die Ayurveda-Medizin stammt aus Indien, genau gesagt, aus dem Indien verdischer Zeit. Die älteste Literatur, nach der wir arbeiten, stammt aus der Zeit 700 v. Chr. Alle diese Texte sind verfasst in einer alten Sprache, dem Sanskrit. Wir lernen aus Büchern, die von anerkannten Experten in Indien aus dem Sanskrit ins Englische übersetzt worden sind. Ich habe Ayurveda vor 20 Jahren in Indien kennengelernt und bei einem Meister im Klinikum gelernt. Das war für eine Westeuropäerin der einzige Weg, um die sprachlichen Barrieren zu überwinden, die mit einem Universitätsstudium der Ayurvedischen Medizin in Indien verbunden sind. Als ich später in den Westen kam, gab es eine einzige Akademie in Birstein (Deutschland); dort wird Ayurveda für Deutschsprechende als Studienfach angeboten. Auch diese Ausbildung habe ich absolviert. Mittlerweile findet eine Zusammenarbeit zwischen dieser Akademie und Universitäten in Indien und England statt. Voraussetzung ist eine Ausbildung in Schul- oder Naturheil-Medizin. Das Ganze war sehr kompliziert. Um überhaupt zugelassen zu werden, musste ich zuerst die Naturheilarzt-Ausbildung in der Schweiz absolvieren. Zusätzlich muss ein Kandidat oder eine Kandidatin zwei Jahre unter einem Mentorat arbeiten, bevor man zur höheren Fachprüfung zugelassen wird. In Indien ist die Ayurveda- Medizin übrigens genauso anerkannt wie die Schulmedizin. Mittlerweile kann man in Europa den Bachelor und den Master in Ayurveda absolvieren, das bietet die Akademie an, bei welcher ich unterrichte, das ist die Europäischen Akademie für Ayurveda.

Welches sind die wesentlichen Einflüsse der ayurvedischen Medizin? Und wer beansprucht diese?

Die meisten Leute denken leider nur an Ölmassagen, an Stirnöl, wenn sie «Ayurveda» hören. Wir kennen in der Ayurveda-Medizin einen präventiven und einen kurativen Teil. Der präventive Teil beinhaltet Massagen. Dabei gibt es innere und äussere Anwendungen. Bei der äusseren Therapie wenden wir Öl an. Öl dient als Medikament und basiert auf Pflanzen. Wir bringen die Medizin über die Haut, die als Medium bei der Massage fungiert. Diese Massagen haben einen wunderbaren Wellness-Effekt. Jeder Mensch mag die sanfte, warme und umhüllende Wirkung des Öls; das ist sehr angenehm, ebenso die Berührungen durch die Massage. Das nutzt die Wellness-Industrie, was jedoch nicht immer unproblematisch ist!

Wem darf ein Ayurveda-Spezialist eine Massage machen? Und: Wer darf nicht?

Wir haben einen ganzen Katalog an Kontraindikationen: Thrombosen, Diabetes, extremes Übergewicht (Adipositas) oder andere Stoffwechselerkrankungen sowie Krebs ( je nachdem, in welcher Phase der Therapie der Patient steht), Depressionen ( je nachdem, was die Ursachen sind), Entzündungen, Schwangerschaft.

Abklären, was erlaubt oder möglich ist, kann nun nur jemand, der Kenntnisse in der Schulmedizin und spezifische ayurvedische Kenntnisse hat. Ein Massagepraktiker ist nicht kompetent genug, um diese Abklärungen zu treffen. Deswegen unterscheiden wir in unserem Berufsbild zwischen dem Mediziner, Therapeuten und Massagepraktiker. Letztere erhalten von uns die Anweisungen, wie sie einen Patienten therapieren dürfen.

Wie wirken Ayurveda-Massagen?

Wir wenden eine spezielle Technik an und benutzen das Wissen über Energiebahnen. In der Chinesischen Medizin kennt man Akupunkturpunkte, die Meridiane. Wir haben diese auch in der Ayurveda, nennen sie aber anders. Auf der Haut gibt es Areale, die eine direkte Verbindung über die Nervenstränge zu einem Organsystem, zu einem Muskel haben. Auch in der Schulmedizin gibt es zahlreiche Medikamente, die man auf die Haut auf- trägt. Wenn ich zum Beispiel die Leber beeinflussen möchte, gehe ich auf ein entsprechendes Areal auf der Haut. Die Chinesen machen beispielsweise Akupunktur, Akupressur, Schröpfen, blutiges Schröpfen, Aderlass, Blutegelanwendungen – das kennen wir auch aus der altgriechischen Medizin. Dieses Wissen wurde in der traditionellen europäischen Naturheilkunde übernommen; und in der Ayurveda-Medizin existiert das seit Jahrtausenden! Wir nutzen das Wissen darüber in der Anwendung von Ayurveda- Massagen, wir kennen die direkten Verbindungen zum zentralen Nervensystem, zum Sympathikus, Parasympathikus. Wir müssen diese Bereiche zum Beispiel anregen, wenn jemand lethargisch-depressiv, inaktiv, hyperaktiv oder aufgedreht ist aufgrund einer Schilddrüsenstörung. Dann wissen wir, welche Art oder Technik wir bei der Massage anwenden müssen. Es braucht sehr viel Wissen, nicht nur fachspezifisches, sondern auch schulmedizinisches. Ein Teil unserer Behandlung besteht darin, die Selbstheilungskräfte anzuregen.

Welche Rolle spielt die Pflanzenheilkunde in der ayurvedischen Medizin?

Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil in der kurativen Medizin des Ayurveda. Wie gesagt, es gibt innere und äussere Behandlungen. Und es gibt sogar Chirurgie im Ayurveda, aber nur in Indien. Ayurveda verfügt über einen umfassenden Katalog von über tausend Pflanzen und Mixturen.

Ein weiteres Fachgebiet Ihrer Praxis ist die Ernährungsberatung.

Ja, nehmen wir zum Beispiel das Thema Diabetes. Da mische ich mich nicht ein, in welchem Masse ein Diabetiker z.B. Kohlehydrate zu sich nimmt, sondern in welcher Art. Wir wissen, welchen Einfluss ein bestimmtes Lebensmittel bei einem Diabetiker hat. Ayurveda beschäftigt sich nicht mit Inhaltsstoffen wie Proteinen, Kohlehydraten, Fetten etc., sondern mit deren Eigenschaften und deren Wirkung auf den Körper. Deshalb sind wir erfolgreich in der Behandlung von adipösen Patienten. Wir haben grossen Erfolg, denn wir wissen genau, von welchen Lebensmitteln man zunimmt. Wir teilen alle Lebensmittel nach ihrem Geschmack auf; von Bitterem und Scharfen nimmt man eher ab, von Süssem und Salzigem zu. Buchweizen ist beispielsweise bitter, Weizen ist süss, da nimmt man zu.

Was verstehen Sie unter «ausleitenden Verfahren», einem weiteren Begriff aus der Naturheilkunde?

Ausleitende Verfahren sind invasive Anwendungen. Sie beinhalten die Entfernung von Körpertoxinen über natürliche Körperöffnungen oder über die Haut. Das kann Schwitzen sein, die Anwendung von Bädern, das kann aber auch ein therapeutisches Erbrechen sein, eine Anwendung von therapeutischen Abführmitteln, initiiert von abführenden Pflanzen. Auch die Anwendung von Blutegeln ist ein ausleitendes Verfahren, ein trockenes oder blutiges Schröpfen. Wir kennen auch die Anwendung von Einläufen, es werden verschiedene Substanzen über den Kolon (Dickdarm) verabreicht. Dabei muss man medizinisches Wissen haben; Herzerkrankungen sind da eine strikte Kontraindikation.

Ist die Ayurverdische Medizin kassenzulässig?

Ja, schon lange! Wir rechnen über die Zusatzversicherung ab. Immerhin sind rund 90 Prozent aller Patienten zusatzversichert. Die Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kosten. Interessant ist die Tatsache, dass die Kosten der alternativen Medizin gerade mal zwei Prozent ausmachen am gesamten Leistungsträger-Kuchen. Deshalb ist es für mich nur schwer nachvollziehbar, weshalb so viele Leute gegen uns sind – auch in der schreibenden Zunft, bei den Journalisten!

Ich sehe unsere Medizin als sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin. Wir sind keine Konkurrenz, ich darf beispielsweise keine Spritzen geben, ich darf keine Blutuntersuchungen machen, ich darf nicht operieren. Wir sind angewiesen auf eine gute Kooperation mit den Schulmedizinern! Dabei wäre eine engere Zusammenarbeit sehr bereichernd für alle. Einer meiner Ansätze ist es, jüngere Leute zu motivieren. Sie sollen in die Zukunft schauen und gut auf Ihre Gesundheit achten, bevor sie in den Ruhestand kommen. Denn es ist sehr schwierig, jemanden, der sich 50 Jahre lang und länger falsch ernährt hat, wieder zu «ordnen». Ich bin für Prävention, für Aufklärung, für Motivation. Das ist die Zukunft. Nicht dass, sondern wie wir älter werden, zählt.

Frau Schmid, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch. Schweizer Ayurveda Verband   Zum Blog

Mit Anica Schmid, Praxis für Ayurveda- Medizin und Naturheilkunde, Zürich sprach Claude Bürki für  arzt I spital I pflege

Anmerkung der Redaktion zum Thema Ayurveda­-Medikamente:

Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hat in seiner Ausgabe 40/2015 über die Gefahr berichtet, die von bestimmten Ayurveda-Medikamenten ausgeht («Giftige Wellness»). Es handelt sich dabei unter anderem um Ayurveda-Kügelchen, die Quecksilber enthalten. In der Schweiz sind solche Medikamente nicht zugelassen, und die in Deutschland betroffenen Personen haben diese Wirkstoffe im Ausland zu sich genommen bzw. im Ausland bezogen.

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